“Die dreißig Arbeitsjahre des Tschechischen Musikfonds, eines bedeutenden kulturpolitischen Instrumentes des sozialistischen Staates, sind von dem praktischen Bestreben geprägt, optimale Bedingungen für die Entfaltung unserer Musikkultur zu schaffen. Wir tun dies nicht nur im Interesse der lebenden Tonkünstler, sondern auch derer, deren Werk schon abgeschlossen ist. Es geschah daher zu Recht, daß dem Tschechischen Musikfonds auch die Sorge um das Erbe Leos Janàceks übertragen wurde und daß ihm auch die Bohuslav-Martinu-Fondation angegliedert wurde. Es ist unser Wunsch, daß unsere Tätigkeit auch in Zukunft zum bedeutsamen Reichtum der tschechoslowakischen Musikkultur beitragen möge.” – (Vladimir Sevčik (Direktor des Tschechischen Musikfonds, Prag)1
“The Czech part of myself that I had brought with me to France was not dissipated, rather on the contrary, it came to be still enhanced by consciousness newly raised, and was now arranged in an organic order which – as I sincerly believe – only follows along the line initiated by Smetana and Dvorák.– So offen sah Bohuslav Martinu die Wurzeln seiner Kreativität um die Zeit [1944] , da sein zweites Klavierquintett entstanden war. Er blickt mit diesen Worten zwar auf seine »französische« Entwicklungsetappe (1923-1940) zurück, doch trat auch die große »amerikanische« Lebensepisode (1941-1953) nicht aus diesem Rahmen hinaus. Das Begreifen des Zusammenhanges zwischen Martinus Musik und der tschechischen Denkweise, sowie der Linie Smetana-Dvorák-Jánacek wurde zur unerläßlichen Bedingung einer adäquaten Interpretation und damit auch zu einer gewissen Verpflichtung für die heimischen ausführenden Künstler.” (Jaroslav Mihule)2
“Martinu gehört zu einigen von den wenigen großen Komponisten des zwanzigsten Jahrhunderts, deren Wurzeln im Erbe des Volksliedes und der volkstümlichen Denkart haften blieben – Béla Bartok weist vielleicht als einziger mit ihm in dieser Hinsicht verwandte Merkmale auf. Im Maifest der Brünnlein und im ganzen Zyklus dieser vier Kammerkantaten haben wir Früchte dieser Orientierung vor uns. Es versteht sich, daß sie am besten dort verstanden wurden, wo dieser reine Quell entsprungen ist.” (Jaroslav Mihule)3
Bohuslav Martinu ist ein Komponist, der außerhalb seiner Heimat seltener gespielt wird, als es seinem musikgeschichtlichen Rang wohl angemessen wäre. Seine Musik erklingt dort zumeist nur dann, wenn ein tschechischer Maestro am Pult steht. Sie ist zwar bei westlichen Verlagen verlegt, die CD-Einspielungen aber – mittlerweile fast das gesamte, nicht eben kleine Werk – erfolgen zu allergrößten Teil auf tschechischen Labels. Kurzum: es scheint allgemeiner Konsens zu sein, daß die Pflege der Martinu’schen Musik eine Angelegenheit sei, die man am besten dessen tschechischen Landsleuten überläßt. Und da diese dieser Aufgabe auch mit aller Liebe nachkommen – so sehr, daß sie sich wider alle musikalische Logik regelmässig die Mühe machen, seine Vokalwerke aus der Originalsprache ins Tschechische zu übersetzen – scheint dieses auch ein durchaus begrüßenswertes Arrangement zu sein.
Was einzuwenden bliebe ist einzig die ketzerische Frage, inwieweit eine Rezeptionshaltung, die Martinu als typischen Nationalkomponisten versteht, einem Komponisten gerecht wird, der nun wirklich alle seine bedeutenden Werke im Ausland geschrieben hat, der sich in dem sehr unterschiedlichen kulturellen Ambiente Frankreichs und der USA durchzusetzen wußte und dies unter den sehr verschiedenen Auspizien eines Auslandstschechen im Paris der 1920er und 30er Jahre, eines politischen Asylanten in den USA der Kriegszeit und eines Heimatvertriebenen im Europa der Nachkriegszeit?
Recht eigentlich weist diese Frage über Martinu hinaus auf ein Grundproblem einer nun ja irgendwann einmal zu schreibenden Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts, nämlich der durchaus schwierigen Rücknahme jener Verquickung von Nationalismus und Musik, die das späte 19. Jhd. leichtfertig und zumeist mit fragwürdigen ästhetischen Resultaten vollzogen hatte. Denn während der Nationalismus und der Nationalstaatsgedanke in der politischen Geschichtsschreibung inzwischen weithin als jene verheerende Geistesverwirrung beschrieben wird, die er ja war, tut sich die Musikgeschichtsschreibung damit immer noch schwer. Dabei ist offenkundig, daß die vehemente Ablehnung moderner Musik im 20. Jhd. seitens weiter Kreise des Publikums, insbesondere aber die Reglementierung der Musik in autoritär regierten Staaten ja nicht allein aus ästhetischen Gründen erfolgte, sondern darüber hinaus auch ideologische oder machtpolitische Gründe hatte, eben die Weigerung, die Musik aus jener »nationalen« Dienst- und Verfügbarkeit wieder zu entlassen, in die sie sich gebracht und an die man sich gewöhnt hatte. Ein Weigerung übrigens, die heutzutage zwar nicht mehr mit politischer Gewalt durchgesetzt wird, die aber ebenso wie der Nationalismus in latenter Form weiterhin vorhanden ist. Erinnert sei dabei nur an einen Komponisten wie George Enescu, dessen Rumänische Rhapsodie allenthalben in Wunschkonzerten zu hören ist, dessen seriöse und unrumänische Werke aber praktisch unbekannt geblieben sind. Gleiches gilt mutatis mutandis für Ernest Bloch. Und was soll man dazu sagen, wenn man, wie dieser Tage geschehen, in dem Plattenkommentar zu einer Neuaufnahme der Sinfonien Niels Gades die absolut ernst gemeinte Bemerkung liest, daß der »nordische« Ton seiner frühen Sinfonien sich in den späteren Werken unter dem Einfluß der Leipziger Schule leider (!) gänzlich verloren habe. -Vielleicht sollte man antworten, daß der eben einfach gelernt habe, akzentfreie Musik zu schreiben!
Konnte Martinu akzentfreie Musik schreiben? Wollte er es? War er ein nationaler oder internationaler Komponist? Die Antwort wird je nach Schaffensepoche verschieden ausfallen müssen.
Blickt man auf die Tschechische Rhapsodie (Ceská Rapsódie) von 1918 so erblickt man einen Martinu, der sich in bester (oder schlechtester) nationalromantischer Tradition bewegt. Im Mai/Juni 1918 konzipiert, die bevorstehende Unabhängigkeit der Tschechoslowakei vor Augen, feiert er die vergangene und zukünftige Größe seines Vaterlandes in einem Werk das geschickt den patriotischen Text Jaroslav Vrchlickys, den 23. Psalm in der alten und altertümlichen tschechischen Übersetzung des Jiri Strejc und die heimliche Nationalhymne, den Sankt-Wenzel-Choral zusammenbringt. Im Januar 1919 im Beisein des Staatspräsidenten aufgeführt, hat dieses Werk denn auch großen Beifall gefunden und Martinu in gewisser Weise den Weg nach Paris eröffnet.
Damit ist nun nicht der Umstand gemeint, daß er 1923 jenes Staatstipendium erhielt, daß es ihm ermöglichte, nach Paris zu gehen: Vielmehr scheint es, daß Martinu gespürt hat, daß die Idee einer tschechischen Nationalmusik als Beitrag zur Erlangung der staatlichen Unabhängigkeit mit Erreichen dieses Zieles in gewisser Weise ihre Berechtigung, zumindest aber ihren verpflichtenden Charakter verloren hatte, es mithin keine selbstverständliche musikpatriotische Pflicht war, dezidiert »tschechische« Musik zu schreiben. Aus dieser Haltung heraus ist ihm denn wohl auch Paris zur zweiten Heimat geworden. Als Auslandstscheche hat er sich ganz entspannt und ungezwungen in das Pariser Milieu der 1920er Jahre eingefügt, mit dem einzigen Unterschied, daß er, wo der Pariser zur Sommerfrische ans Meer fährt, die Reise ins heimatliche Policka antrat. Und wie die Person, so auch die Musik: es zeigt sich der typische Stil der Pariser Musik jener Zeit, in der Martinus unüberhörbarer tschechischer Akzent als Merkmal des Individualstils erscheint und nicht als explizierter Verweis auf ein bewußt gepflegtes Tschechentum. Anders gewendet: Martinu sah keinen Anlaß, seine musikalische Herkunft zu verbergen, hausieren ging er damit aber auch nicht. Wenn er, was ab den 30er Jahren häufiger geschah, in seinem Werk auf tschechische politische Belange einging, so bedient er sich bezeichnenderweise immer des Mittels des musikalischen Zitates (etwa der Wenzelchoral oder Dvoráks Requiem) um diese Absicht eindeutig zu kennzeichnen.
Mit der kosmopolitischen Ausrichtung seines Pariser Schaffens entzieht sich Martinu zwar der Tradition der tschechischen Nationalmusik des 19. Jhs, wohl aber steht er in jener des 18. Jhs. als ein Jan Václav Stamitz oder Josef Myslivecek sich auf internationaler Bühne durchsetzten, ein Unterfangen, daß recht bedacht ja schwerer zu verwirklichen ist, als der Erfolg vor heimischem Publikum. Recht bedacht übrigens auch deshalb, weil der in der Heimat das Gemüt bewegende Nationalstil im Ausland gemeinhin als Exotismus wahrgenommen wird, der in etwa mit der gleichen Haltung goutiert wird, wie die Produkte aus dem Kolonialwarenladen. Ob August de Boeck 1893 seine Rhapsodie du Dahomey schrieb, Edwar Elgar 1896 seine Dances from the Bavarian Highlands, Heinrich Schulz-Beuthen 1880 seine Neger-Lieder und Tänze op. 26, oder ob ein Lexikonautor unserer Tage feststellt, daß Martinu im Herzen »ein böhmischer Musikant« geblieben sei, wirkliche multikulturelle Gesinnung spricht daraus nicht unbedingt hervor.
Was freilich Martinu von seinen Vorläufern im 18. Jahrhundert unterscheidet, ist der für das 20. Jahrhundert charakteristische Umstand, daß aus dem Auslandstschechen über Nacht ein Asylant und Exilant wurde.
Daß Martinu sich als Komponist auch in den USA durchzusetzen vermochte, ist eine umso erstaunlichere Tatsache, als dies mit einer wesentlichen kompositorischen Umorientierung verbunden war4. Neoklassizismus als geistreiches Spiel mit historischen Vorbildern stößt eben auf gewissen Schwierigkeiten in einem Land, in dem die Vorlagen des Spieles womöglich älter sind als das Holz jenes Mastes, das einst die Mayflower über den Atlantik trug. Immerhin war man in den USA in den 1930er Jahren soweit, sich auf die Suche nach einer musikalischen Identität in Form einer nationalen Sinfonik zu begeben, die in ihrer Abgeschmacktheit (Copland, horribile dictu; Roy Harris, horribilissime dictu) dem stalinistischen Schund eines Tichon Khrenikov in nichts nachstand, (wobei man allerdings in Rechnung stellen muß, daß Linientreue unter Stalin eine Frage des Überlebens, unter Roosevelt eine Frage des Wohllebens war). Martinus Sinfonien jedenfalls sind da ein wundersamer Lichtblick mit denen er, gleichsam als musikalischer Entwicklungshelfer, seinem Gastland überreichen Dank für das gewährte Asyl abstattete.
Ein Asyl übrigens, mit dem er sich persönlich nur bedingt anfreunden konnte, insofern es nicht so ganz selbstlos gewährt wurde, vielmehr mit der Bedingung der Aufgabe der tschechischen und Annahme der amerikanischen Staatsbürgerschaft verknüpft wurde; ein Schritt der Martinu umso schwerer fiel, als ihm, dem gebildeten Humanisten, der »american-way-of-live« innerlich wohl immer wesensfremd blieb. Immerhin konnte er in den ersten Jahren ja auf ein Ende dieses Zustandes hoffen und seine Rückkehr nach Prag unmittelbar nach dem Krieg scheiterte zunächst auch nur an dem schweren Unfall, den Martinu im Juli 1946 in Tanglewood erlitt. Grundsätzlich verändert hat sich seine Situation dann aber, als am 25. Februar 1948 eine hinreichende Anzahl seiner alten Landsleute es für opportun hielt, jenes von Martinu geliebte, seit alter Zeit kultivierte Böhmen in ein stalinistisches Böhmen zu verwandeln und eine hinreichende Zahl seiner neuen (amerikanischen) Landsleute bereit waren, dies ebenso hinzunehmen, wie sie in der Folgezeit in Aufstände in Ostberlin, Budapest und wiederum Prag hingenommen haben.
Die Bereitschaft an der in Jalta beschlossenen Aufteilung Europas festzuhalten – ob aus stillschweigender Komplizenschaft oder aus realpolitischer Notwendigkeit bleibe einstweilen dahingestellt – gehört zu jenen dunklen Kapiteln des Kalten Krieges, über die man selbst heute noch gerne den Mantel des Schweigens deckt. Es ist daher nicht verwunderlich, daß die bisherige Biographik Martinus, sowohl in Ost wie West, versucht hat, die Bedeutung dieses Datums für Martinu eher mit Diskretion zu behandeln. Für einen integeren Menschen wie Martinu, der nicht über die Naivität und den Opportunismus eines Prokofiew verfügte, war es nach diesem Datum jedoch undenkbar, in seine Heimat zurückzukehren. Recht eigentlich wurde er an diesem Tag ein zweites mal ins Exil gezwungen und das nicht durch nationalsozialistische Invasoren sondern durch die eigenen kommunistische Landsleute. Es ist dies wohl die gleiche Erfahrung, die ein deutsch-jüdischer Emigrant in die bitteren Worte gefaßt hat, daß ihm »die Heimat Fremde, aber die Fremde nicht Heimat geworden sei«5.
Untersucht man unter diesem Aspekt Martinus Spätwerk, so erweist sich rasch, daß der Themenkomplex Vertreibung-Fremde- Heimatlosigkeit geradezu den roten Faden bildet, der eine ganze Werkgruppe zusammenbindet. Zu denken ist dabei vor allem an die Kammeroper What man live by, die Hymne an St. Jacob (Hymnus k Svatemu Jacubu), die Kantate Der Berg der drei Lichter (Hora trí Svetel), die beiden Fassungen der Griechischen Passion (Recke Pasije), die Bures-Kantaten und Die Prophezeiungen des Jesaia (Izaiásovo Proroctví).
Schlüsselwerk ist dabei die gemeinhin als wenig überzeugende Fernsehoper abgetane Geschichte des Schusters Martin Avdeitsch, die Martinu den Volkserzählungen Tolstois entnommen hat. Dieser findet neuen Lebensmut allein dadurch, daß er einem alten Mann Tee anbietet, eine junge Mutter und ihr Kind zum Aufwärmen in seinen Laden bittet und Frieden zwischen einer alten Marktfrau und einem Jungen stiftet, indem er den Apfel bezahlt, den dieser gestohlen hat; nur um am Ende zu erkennen, daß es Christus selbst war, den er bewirtet hat, gemäß dem bei Tolstoi wie Martinu zitierten Spruch aus dem Matthäusevangelium: »Was ihr getan habt dem geringsten meiner Brüder, das habt ihr mir getan«.
Nun fällt auf, daß Martinu auch sonst, etwa im Hymnus an St. Jacob und dem Berg der drei Lichter das Matthäus-Evangelium direkt zitiert, und das für ihn wohl zu den zentralen Büchern überhaupt gehörte. Erinnert man sich ferner, daß er Julietta einst als »verzweifelten Kampf darum, etwas Festes zu finden, woran man sich halten kann« bezeichnet hat, so wird es nicht unzulässig sein, die Orientierung an den Idealen des Matthäus-Evangeliums als eine für Martinu auch biographisch verbindliche Wahl anzusehen. Freilich nicht irgendein abstraktes Christentum, sondern das verbindliche, tätige, ja sozialrevolutionäre Christentum, das Tolstoi in seinen Schriften propagiert hat. In diesem Sinne auch ist Martinus Oper durchaus nicht so harmlos, wie sie daherkommt. Bei Tolstoi trägt sie nämlich, was der Martinuforschung bislang entgangen scheint, den Titel Wo die Liebe ist, da ist auch Gott. Freilich, auch der Titel What men live by stammt aus Tolstois Volkserzählungen. Allerdings findet sich unter diesem Titel die Erzählung von dem Engel Michail, der auf die Erde verbannt wurde, um die Menschen verstehen zu lernen und der am Ende sehr klar die Einsicht formuliert, daß Menschen einzig durch die Liebe leben, die ihnen andere entgegenbringen, während es ihnen nicht gegeben ist, aus sich selbst heraus, aus eigener Vorsorge, aus eigenem Besitz zu leben. Die Verfälschung des Titels ist ein subtiles quid pro quo, das den Kundigen erst auf die rechte Spur führt. Die Brisanz enthüllt sich, wenn man den Titel in die deutsche Sprache übersetzt: Denn wovon lebt der Mensch? Diese Frage hatten ebenfalls mit Bezug auf Tolstoi schon Bert Brecht und Kurt Weil in Die Dreigroschenoper aufgeworfen und mit der Antwort: »Nur davon lebt der Mensch, daß er so gründlich, vergessen kann, daß er ein Mensch doch ist« bedacht, um sodann mit der Zeile: »Wie gern wär ich zu Dir gut… Doch die Verhältnisse, gestatten sie’s?« direkt in klassenkämpferische Bahnen zu münden. Nun, klassenkämpferisch ist Martinu nicht, kämpferisch schon. Und die Bestimmung des Menschen als durch und durch soziales Wesen, das durch andere nicht aber durch sich selbst lebt, ist der genaue Gegensatz zum »persuit of happiness«, jenem Freibrief für Egoismus und schamlose Bereicherung – und sei es um den Preis der Vergiftung der Welt durch Treibhausgase oder dem Leid von Millionen, deren Hunger auf dem Altar des globalen Freihandels geopfert wird. Martinu wußte schon, warum er zu jener Zeit, der Zeit der McCarthy’schen Schauprozesse!, Tolstoi »light« auf die Bühne brachte. In der für Europa gedachten Griechischen Passion spricht er es offener aus: »We had to chose between dying or fighting! We have chosen to fight!« – Verständlich, daß Martinu mit dieser Gesinnung in den USA nicht wirklich Wurzeln schlagen konnte.
Mit der Rückkehr nach Europa 1953 rückt dann die Frage nach dem Umgang mit dem »verlorenen Vaterland« näher ins Blickfeld. Die im Juli und November 1954 geschriebene Hymne an den heiligen Jacob bzw. Der Berg der drei Lichter lassen sich als konkrete Trauerarbeit verstehen. Ihr komplementärer Charakter enthüllt sich allein schon durch den Umstand, daß beide die gleiche Textstelle aus dem Matthäus-Evangelium zitieren, nämlich Christus in Gethsemane mit dem Schlüsselsatz: »Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Nicht wie ich will, sondern wie Du willst.« Ergebung in das Schicksal ist also die Devise, die in beiden Kompositionen in den Kontext einer modernen Textvorlage und eines tschechischen Kirchenliedes eingebettet werden. Das ist, man erinnert sich, die gleiche Struktur wie schon in der Tschechischen Rhapsodie von 1918, nur daß der politisch ohnmächtige Komponist hier keine glorreiche Zukunft beschwören kann. Was bleibt ist das Gebet und die Fürbitte. Für das nach menschlichem Ermessen verlorene Vaterland: »Laß nicht den Haß, die Bosheit die Wurzel des Glaubens zerstören im Urwald unserer Herzen. Bleibe auch weiterhin Bischof des treuen Böhmen« im Hymnus an Sankt Jacob; für sich und die eigene Seele im Berg der drei Lichter, auf daß sie, wie es mit direktem Bezug zu What man live by heist, offen bleibt für Christus, wenn dieser über die Erde geht.
Resignation war indessen nicht Martinus letztes Wort: Zusammen mit den Kantaten entstehen die ersten Entwürfe der Griechischen Passion, die nur bedingt eine tragische Oper darstellt.
Im Grunde wird ja eine sehr einfache Geschichte erzählt: Die Gemeinde Lycovrissi plant, im kommenden Jahr nach altem Brauch ein Passionsspiel aufzuführen. Die vorgesehenen Darsteller bemühen sich, ihren Rollen gerecht zu werden, als plötzlich aus dem Spiel Ernst wird. Ernst wird das Spiel durch das Eintreffen von Flüchtlingen, Griechen wie die Einwohner von Lycovrissi, die von Türken vertrieben wurden und um Aufnahme bitten. Der Dorfpriester Grigoris, ein machtbewußter Besitzstandswahrer weist diese ab. Sie lagern daraufhin auf dem Berge oberhalb des Dorfes. Im Umgang mit diesen Flüchtlingen wachsen oder versagen die Menschen des Dorfes: Manolios wird zum Märtyrer, Panait und Grigoris zu Mördern, die Manolios ermorden bzw. ermorden lassen, als dieser in radikaler Konsequenz die Teilung in Wohlhabende und Flüchtlinge durch teilen überwinden will. Die Flüchtlinge ziehen daraufhin weiter. Das Martyrium aber ist, zumindest nach christlichem Verständnis, allemal ein Happy End und auch das Weiterziehen der Flüchtlinge ist, so beschwerlich es auch sein mag, nicht ohne Hoffnung. Hoffnung nicht auf die Rückkehr zu Vergangenem, wohl aber auf eine erträgliche Zukunft. Die Worte des Fotis: »Wir sind länger nichts anderes mehr als eine handvoll Griechen auf Erden. Nehmt euch ein Herz, beißt die Zähne zusammen und laßt uns weiterziehen!« sind nicht ohne Bitterkeit, aber der gleiche Fotis hält auch an seinem Traum vom Kanarienvogel, Symbol eines besseren Anderen, fest.
Fragt man nach Martinus Position in diesem Spiel, so ist klar, daß seine Sympathie den engagierten Christen um Manolios gilt; er selbst aber findet sich wohl unter den Flüchtlingen vom Berge Sarakina. Von den fremden Usurpatoren vertrieben und von den Mächtigen im eigenen Lande im Stich gelassen, das beschrieb wohl auch seine eigene Situation, wobei es offen bleibt, ob es sich bei den Mächtigen um solche westlicher oder östlicher Lande handelt.
Bekanntlich hat Martinu die Griechische Passion einer grundlegenden Umarbeitung unterzogen, die die Gestalt des Manolios und seine Entwicklung in den Vordergrund rückte, den Aspekt des Schicksals der Flüchtlinge in den Hintergrund treten ließ. Dramaturgisch ist diese zweite Fassung sicherlich schwächer; rein gedanklich hat sie die Logik auf ihrer Seite. Wo die Nation versagt, kommt es auf das Individuum an; gegenüber der Apotheose des Manolios wirkt die Bitterkeit des Fotis als kleinliche Antiklimax.
Allein, die Umarbeitung hat womöglich noch einen anderen Grund, der sich mit den gleichzeitig entstanden, von Martinu außerordentlich wichtig genommenen Bures-Kantaten in Verbindung bringen läßt. Diese sind, unumwunden gesagt, schlichte Heimatdichtung von zumindest in ihrer Übersetzung literarisch durchaus begrenztem Wert. Gleichwohl läßt sich ihr ideeler Wert für Martinu erahnen, den man vielleicht als Martinus Entdeckung vom Fortbestehen von Heimat beschreiben kann. Heimatgefühl und Heimat nun aber als jene Entität verstanden, die in einem totalitären Kontext und unterhalb der Ebene des Nationalen in der Lage war, jene böhmisch-mährische Identität zu wahren, die Martinu lieb und teuer war. Eine Entdeckung, die es ihm überdies erlaubte, selbst in den schlimmsten Zeiten des kalten Krieges einen, wenn auch dünnen Kontakt mit Land und Leuten aufrecht zu erhalten; eine Erfahrung, aus der sich dann sein letztes Werk, die Prophezeiungen des Jesaias herleiten.
In der überlieferten Gestalt sind diese zwar ein düsteres Werk, das von Gottes Heimsuchung der Menschen handelt. Ein Blick auf die Worte des dritten, unvollendet gebliebenen Teiles, Die Last des Moab, sah dann aber eine optimistische Wendung vor: »Es wird einer kommen und herrschen mit Gerechtigkeit auf dem Throne Davids«. – Man wird annehmen dürfen, daß Martinu musikalisch für eine ähnliche Aufhellung gesorgt haben würde, wie dies schon Felix Mendelssohn in seiner 2. Sinfonie Lobgesang getan hat, die ja auf der gleichen Bibelstelle beruht. Am Ende also Hoffnung. Zwar keine laute, selbstgewisse und triumphale Hoffnung; aber eben doch Hoffnung. Und sei es auch nur eine solche, daß »ein Wunder, das über den Glauben geht, das Licht der Hoffnung tagen (Thomas Mann)« werde.
War Martinu am Ende also beides: Kosmopolit und Heimatdichter?
Die Frage klingt despektierlich, ist aber ernst gemeint: tatsächlich zeigt sich bei Martinu eine erstaunliche Denkbewegung, die von dem unreflektierten Nationalismus der Tschechischen Rhapsodie über den ehrenwerten Patriotismus der Feldmesse (Polní Mse) oder des Memorial for Lidice (Památník Lidicím) zu einer durch die Exilerfahrung ausgelösten und and der Existentialfrage »What men live by« festgemachten Neubesinnung der späten Jahre führte. Eine Neubesinnung, die zumindest zu dem Wissen davon führte, wovon der Mensch nicht lebt, nämlich der nationalen Größe. Was wirklich Not tut, dies die Aussage des Spätwerkes, ist die Beheimatung in den universalen Werten eines christlich geprägten Humanismus (dargestellt in der Griechischen Passion) und der Verankerung in einer lokal sehr begrenzten Heimat (dargestellt in den Bures-Kantaten), wobei Heimat ganz unvölkisch verstanden wird als jener Ort oder jene Region, in der ein jeder in seiner Kindheit – hoffentlich! – jene Nähe und Geborgenheit erfahren hat, die späterhin in der Erinnerung als lebendige Quelle zu fungieren vermag, aus der es gilt, zu schöpfen und das eigene Leben zu gestalten.
Akzeptiert man die vorgetragene Interpretation, so ergibt sich zwanglos eine Einordnung Martinus in einen größeren geschichtlichen Zusammenhang, der musikalisch mit Namen wie Poulenc, Hindemith, Braunfels und Petrassi umschrieben werden kann. Komponisten also, die allesamt in den 1950er Jahren Opern vorgelegt haben, die dem Typus der ‚opera senza amore‘ angehören (i.e. Dialogues des Carmelites, Die Harmonie der Welt, Verkündigung, Assassinio nella Cattedrale); weltanschaulichen Opern also, in denen die Autoren, Wertkonservative allesamt, versuchten, in einem auch moralisch zerstörten Europa durch Rückgriff auf christlich-humanistische Traditionen neue Orientierung zu finden.
Damit ergibt sich zugleich auch eine, Martinu selbst womöglich gar nicht bewußte, Affinität zu einem für den freien Teil Nachkriegseuropas charakteristischen Denken, das aus eben diesem Rückgriff auf christliche-humanistische Positionen und Traditionen politische Konsequenzen ziehen wollte: Ein Denken, das für ein auf gleichen Werten aufruhendes und wieder zu vereinendes Europa das Ideal einer solidarischen Gesellschaft propagierte, womit zugleich die Forderung nach einem Abrücken von übertriebenem Nationalismus und Liberalismus und dem Versuch eines fairen Interessensausgleich zwischen Klassen und Rassen, Nationen und Regionen, Globalem und Lokalem, Mehrheit und Minderheit verbunden war. Ein Denken also, das sich in den Zeiten des Kalten Krieges bewährt hat, das nun aber, nach dem Wegfall der totalitären Bedrohung und im Zeichen von Globalisierung und entfesseltem (Raubtier-)kapitalismus, selbst in Europa zunehmend wieder in Frage gestellt wird.
In einer Zeit, in der der Ellenbogen zum wichtigsten Körperteil des Menschen zu werden droht, in der die menschenverachtende Ideologie des »devenir riche« mehr und mehr um sich greift, in der Krieg wieder zu einem legitimen Mittel der Politik geworden ist, in der weltweit mehr Flüchtlinge herumirren denn jemals zuvor in der Menschheitsgeschichte und in der es an Versuchen nicht mangelt, selbst noch die Humanität (im geistigen wie genetischen Sinne) dem freien Spiel der Marktkräfte auszuliefern ist die humanistische Botschaft der Griechischen Passion aktueller denn je: Es wäre schade, wollte man in Martinus auch weiterhin nur eine tschechische Angelegenheit sehen!
*Postskriptum
Die vorliegenden Ausführungen wurden beim beim Martinu-Kongreß 2000 in Prag vorgetragen. Leider wurde der geplante Kongreßbericht nie veröffentlicht. Im Rahmen des Martinu-Symposions stieß der Vortrag auf den teilweise heftigen Widerspruch eines vornehmlich älteren Teiles des Publikums, das die Tatsache der Rezeption und Stilisierung Martinus als tschechischen Nationalkomponisten schlichtweg in Zweifel ziehen wollte, wohingegen die Einlassungen Zuspruch vorwiegend durch die jüngeren Teilnehmer erfuhr.. An Stelle einer umfänglichen Antwort sei einfach auf die Postkarte The Czech Quartet verwiesen, die zum Zeitpunkt des Kongresses in Prag an jedem Postkartenstand mühelos käuflich zu erwerben war, und die Smetana-Dvorak-Janacek-Martinu einvernehmlich die Hände verschränkend als Komponistenquarett zeigte.6
1Zitiert nach dem Hüllentext der LP-Aufnahme von: Bohuslav Martinu, Spalicek, Panton 8116 0387 (Exportversion), Copyright Praha 1983.
2Zitiert nach Hülle der Langspielplatte: Bohuslav Martinu, Piano Quintet (1944), Suprahon 1111 4116G (Exportversion), Copyright Praha 1986.
3Zitiert nach Hüllentext zur Langspielplatte: Bohuslav Martinu, Cantatas on words of Miloslav Bures, Supraphon 1112 3631-2 G (Exportversion), Copyright Praha 1982.
4Die eingangs zitierte Briefstelle Martinus von 1944 ist in diesem Kontext zu lesen. Als ein in den USA bis dato weithin unbekannter Komponist und als politischer Flüchtling lag für Martinu eine Stilisierung als dezidiert »tschechischer« Komponist natürlich doppelt nahe. Einmal um Unterstützung in Kreisen tschechischer Auswanderer in den USA zu erlangen; zum anderen im Hinblick auf das amerikanische Durchschnittspublikum, das vermutlich nicht unbedingt über die geographische Lage Böhmens Bescheid wußte, zumindest aber einmal Dvoráks 9. Sinfonie gehört haben dürfte.
5Das Schlußkapitel der ansonsten sehr verdienstvollen Biographie Milos Safráneks und dessen Konzept einer »spirtituellen Heimkehr» bildet ein in seiner intellektuellen Unredlichkeit verhängnisvolles Datum für die Martinu-Rezeption, insofern mit dieser Form von Geschichtsklitterung eine Form von Happy-End suggeriert wird, so als ob Martinu und die tschechische Nation zu guter Letzt in bestem Einvernehmen gestanden hätten, wo doch das Eingeständnis Not täte, daß Martinu als ein aus der Heimat ausgesperrter Flüchtling verstorben ist. Erst wenn man in Tschechien bereit sein wird, sich dieser bitteren Wahrheit zu stellen, wird die viel zu früh erfolgte Umbettung Martinus von Basel nach Policka ihre innere Berechtigung erfahren! – Vielleicht wird man dann dort auch verstehen, daß die Feststellung, daß Martinu kein nationaler (wie Smetana) sondern ein internationaler Komponist (wie Stamic oder Myslivecek) sei, seinem Heimatland nicht zum Schimpf sondern zur Ehre gereicht. Nur das eigene nationale Erbe zu pflegen entspricht der Borniertheit des 19. Jahrhunderts: Eine kritische Gesamtausgabe der Werke Martinus schuldet der tschechische Staat oder die tschechische Nation, wenn überhaupt, nicht sich selbst, sondern qua Weltkulturerbe allen musikalisch gebildeten Menschen. Wobei angesichts der Biographie Martinus durchaus zu fragen wäre, ob ein solches Unterfangen nicht in gleicher Weise auch eine Aufgabe der französischen und amerikanischen Wissenschaftsinstitutionen sein müßte.
6The Czech Quartet – Postkarte. Copyright Fun Explosive Praha. (Für den freundlichen Hinweis auf diese Postkarte sei Katrin und Gilbert Stöck, Halle a.d.S., an dieser Stelle sehr herzlich gedankt).
Copyright 2018 by Michael Wittmann