E. N. von Reznicek als Militärkapellmeister

Emil Nikolaus von Reznicek (1860-1945) war der Enkel des Trompetenvirtuosen und Militärkapellmeister Josef Resnitschek (Kreis Beraun 1787 – Wien, 21. Januar 1848). Dieser wäre wohl unter normalen Umständen Musiker an einer Oper oder fürstlichen Kapelle geworden. Da aber seine Jugend in die Zeit der napoleonischen Kriege fiel, wurde er Mitglied in Militärkapellen. Zunächst in Budapest beim Regiment Nr. 32 Esterhazy; ab 1819 bei Regiment Nr. 60 Gyulai (ab 1830: Gustav Wasa) in Wien. Die Wasa-Banda genoß damals in Wien hohes Ansehen und trat oftmals im Theater in der Josefstadt auf oder gemeinsam mit dem Orchester von Josef Lanner und Johann Strauss (Vater). Auch als Komponist und Arrangeur hat sich Josef Resnitschek betätigt: neben drei originalen Partituren für Militärorchester sind zahlreiche Werke als Klavierauszüge erhalten, in denen er zumeist damals gängige Opernthemen zu Märschen umgearbeitet hat.

Josef Resnitschek hatte zwei Söhne, die beide Berufsoffiziere wurden. Emil Nikolaus Vater Josef von Reznicek (1812-1887) brachte es dabei bis zum Feldmarschall-Leutnant und wurde überdies in den Freiherrnstand erhoben. Aber auch dieser war hoch musikalisch, spielte aus­gezeichnet Klavier und hat in seiner Jugend sogar selbst komponiert. Seine große Vorliebe galt der Musik Mozarts und der italiensischen Oper á la Rossini und Donizetti. Zur Not auch Meyerbeer und Verdi; Wagner lehnte er ab. Emil Nikolaus erhielt darum ganz selbstverständlich ab dem elften Lebensjahr Klavierunterricht; auch wenn der Vater eigentlich vorgesehen hatte, daß sein Sohn ebenfalls Berufoffizier werden sollte. Als er für militäruntauglich befunden wurde, sollte er Jura studieren und Diplomat werden. Letztlich gelang es ihm aber, seinen Vater von der musikalischen Begabung zu überzeugen. Und so konnte er in Graz (bei Wilhelm Mayer) und Leipzig (bei Jadassohn und Reinecke) Komposition studieren. 1882 machte er dort sein Examen; dann begann er die übliche Kapellmeisterlaufbahn, die ihn nach Zürich, Stettin, Jena, Bochum, Berlin und Mainz führte.

In seinen ungedruckten Memoiren führt Reznicek aus, daß sein musikalischer Geschmack von Jugend an durch die Wiener Klassik geprägt wurde, wohingegen er sich für die zeitgenössische Unterhaltungsmusik (Tanz und Operette) kaum interessierte. Bereits 1875 hatte er die Musik Wagners kennengelernt und war zum Wagnerianer geworden. Konsequenterweise arbeitete er nach seinem Abschluß in Leipzig an einem Musikdrama Die Jungfrau von Orleans nach Schiller, das Angelo Neumann im Juni 1887 in Prag zur Uraufführung brachte. Schon vorher hatte er bei Reznicek zwei neue Opern bestellt und dafür eine Stipendium von 100 Gulden monatlich ausgesetzt. Reznicek zog daher nach Prag und schrieb dort seine Opern Satanella (1888) und Emerich Fortunat (1889). Insbesondere Satanella erregte überregional Aufsehen und nur widrige Umstände verhinderten, daß sie auch in Hamburg unter Bernardo Pollini gegeben wurde. Für Reznicek bedeutete dies, daß er sich zum Jahreswechsel 1889/90 neuerlich um eine Kapellmeisterstelle umsehen mußte. Tatsächlich plante er, sich um den Posten des Musikdirektors in Düsseldorf zu bewerben. Zufällig wurde damals auch die Stelle des Kapellmeisters des in Prag stationierten Infanterie-Regiments Nr. 88 frei. Reznicek bewarb sich auch dort und wurde umgehend angenommen. So trat er eher ungewollt in die Fußstapfen seines Großvaters; wobei sein Engagement vom 20. Februar 1890 bis zum 1. Juni 1892 dauerte.

Die Aufgaben der Militärmusik waren vielfältig. Zunächst und zuerst natürlich das Exerzieren und die Ausrichtung von Paraden. Da aber die Musiker aus der Regimentskasse bezahlt wurden, mußten diese zu ihrer Entlonhung beitragen, indem sie regelmässig (und in unterschiedlich großer Formation) bei Wirtshauskonzerten oder Tanzveranstaltungen auftreten mußten, (wobei sie an den Einnahmen beteiligt waren). Reznicek wurde als Kapellmeister wie ein mittlerer Offizier bezahlt, bezog Quartiergeld und überdies 13% der erwirtschafteten Konzerteinnahmen. Er war damit ökonomisch wesentlich besser gestellt, denn in der Zeit als Komponist davor. Der besondere Reiz der Anstellung lag aber darin, daß der zuständige Regimentskommandeur Reznicek weitgehend frei Hand lies, so daß dieser über die oben genannten Verpflichtungen hinaus mit seiner Kapelle auch Konzerte mit klassischer Musik geben konnte. Und das in doppelter Form: Teilweise bearbeitete es klassische Kompositionen für Militärorchester (z.b. Saint-Saense, Danse macabre); teilweise spielten seine Musiker auch Streicheinstrumente, so daß er gelegentlich sogar reguläre Sinfoniekonzerte veranstalten konnte. (Entsprechende Hinweise finden sich oft in den Prager Tageszeitungen; auch in Karlsbad ist er aufgetreten).

Angesichts dieser Erfolge wäre Reznicek womöglich dauerhaft zum Militärkapellmeister geworden: doch das Schicksal hat (in Gestalt eines angetrunkenen tschechischen Corps-Studenten) anders entschieden. Am 1. Juni 1892 wollte Reznicek gerade ein Konzert beim Sommerfest der Deutschen im Stadtteil Weinberge dirigieren, als er sah, daß seine anwesende Frau von besagtem Studenten belästigt wurde. Reznicek sprang vom Rostrum, zog seinen (ungeschliffenen) Degen, drehte diesen um und hieb mit dem Knauf auf den Belästiger ein. Das Ergebnis war eine Platzwunde, ein Tumult, ein Duell (das Reznicek gewann), eine Verurteilung zu 10 Gulden Strafe wegen Körperverletzung (die Reznicek 1904 bezahlte) und seine fristlose Entlassung. Da gerade in jener Zeit die Spannungen zwischen tschechischen und deutschen Bevölkerungsanteilen stiegen, blieb der Armee keine andere Wahl. Inoffiziel lies der Oberkomandierende des Wehrbezirkes, General von Grünne aber ausrichten, daß er an seiner Stelle genauso gehandelt hätte. Auf neue Zivikleider wartend komponierte Reznicek im Herbst 1892/93 seine vierte Oper Donna Diana, die bis heute seinen Namen lebendig gehalten hat. Diese unterscheidet sich stilistisch deutlich von den drei Vorgängeropern. Reznicek zögert nun nicht mehr, Elemente von Tanz- und Operettenmusik in seine Komposition zu integrieren; ein Verfahren, das er auch in den Werken späterer Jahre beibehält und um die Einbeziehung alter Musik ergänzt. Der Stilpluralismus seiner späteren Werke nimmt also seinen Ausgangspunkt in seiner Tätikeit als Militärkapellmeister und insofern war diese auch ein entscheidender Baustein für seine kompositorisch Entwicklung.

Naturgemäß beinhalteten die Pflichten eines Militärkapellmeisters auch, sich als Komponist oder doch Arrangeur für das Repertoire seiner Kapelle einzusetzen. Leider läßt sich nach derzei­tigem Kenntnisstand Rezniceks diesbezüglche Tätigkeit nur ansatzweise rekonstruieren. An Kompositionen aus dieser Zeit haben sich erhalten

Grünne-Marsch für Militärorchester (1890)

Probszt-Marsch für Militärorchester (1891) [nur als KA erhalten]

Gebet aus der Oper Emerich Fortunat für Militärorchester (1891)

Der rote Sarafan für Militärorchester (1891)

Nur aus schriftlicher Erwähnung sind bekannt:

Sinfonische Suite Nr. 1 e-moll (Leizig 1882) – Bearbeitung für Militärorchester (Prag 1890)

Der Jasminzweig (1891) chinesische Originalmelodie arrangiert für Militärorchester

Moskva – Russisches Lied, Cejka arr. von Reznicek (1891)

Ballettmusik aus Emerich Fortunat – Bearbeitung für Militärorchester (1892)

Da aber das Regiment Nr. 88 bis zum Ende des 1. Weltkrieges in Prag stationiert blieb, ist es nicht undenkbar, daß die Bestände von dessen Kapelle später in die Hände der Militärmusik der neu gegründeten tschechischen Armee gelangten und womöglich unentdeckt, in entsprechenden Archiven lagern.

Nach seinem Prager Engagement hat Reznicek nur noch zweimal mit Militärmusik beschäfigt: Vom 2.-4. März 1915 veröffentlichte das Prager Tagblatt einen Feuilletonartikel Rezniceks mit dem Titel K.&k. Militärmusik, in dem er aus eigenem Erleben berichtet und gleichzeitig die hohe Qualität der österreichischen Militärmusik bzw. der dortigen Militär­kapellmeister hervorhebt. Etwa zur gleichen Zeit komponierte er einen Marsch in Es-Dur, der in einer Fassung für Klavier und einer Partitur für Militärorchester überliefert ist. Die Autographe tragen keine Titelüberschriften, doch erwähnt Reznicek in seinen Memoiren von 1941, daß er 1915 einen Hindenburg-Marsch geschrieben habe, der jedoch ungedruckt blieb. Da die Besetzung etwas größer als die Märsche der Prager Zeit und auf die Zusammenstellung der preußischen Militärmusik verweist, dürfte es sich dabei um diesen Hindenburg-Marsch handeln, der demnach dem Sieger von Tannenberg galt ud nicht dem nachmaligen Reichspräsidenten. Im Jahr 1935 hat er diesen Marsch  in das 3. Bild seines Ballettes Das goldene Kalb inte­griert, das in der damaligen Gegenwart zur Karnevalszeit in Monte Carlo spielt: Eine Banda marschiert über die Bühne und führt zu den Klängen des Hindenburg-Marsches den folgenden Blumenkorso an. In Kenntnis von Rezniceks in mehreren Werken (z.B. der Kantate Vom ewigen Frieden [1930]) durchscheinenden, pazifistischen Grundeinstellung, kann man in dieser Umdeutung auch eine subtile Variante des Mottos Schwerter zu Pflugscharen erkennen, die die (in der Öffentlichkeit) ohnehin unbekannte Huldigung von 1914 relativiert.:

 

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