E. N. von Rezniceks (musikalische) Kindheit und Jugend

Von Komponisten wie Mozart, Mendelssohn oder Richard Strauss kennen wir deren musikalische Produktion seit ihren Anfängen und Versuchen aus Kindertagen. E.N. von Reznicek hingegen tritt uns als fertiger Komponist entgegen in seiner 1. Symphonischen Suite, die im Juni 1882 am Leipziger Konservatorium als Diplomarbeit erklungen ist. Seine nach eigenen Aussagen offenbar zahlreichen Jugend- und Studienwerke müssen nach derzeitigem Wissen als verschollen gelten. In den einschlägigen Biographien geht nur Felicitas von Reznicek in ihrem Buch Gegen den Strom auf Kindheit und Jugend ihres Vaters ein. Dabei stützt sie sich auf dessen 1940 entstandene, aber bislang unveröffentlichte Memoiren. Methodisch wirft dies die Frage auf, wie zuverlässig die persönlichen  Erinnerungen Rezniceks (damals immerhin achtzig Jahre alt) waren. Manche Anga­ben die Felicitas ungeprüft übernommen hat halten (insbesondere hinsichtlich der Chrono­logie) einer kritischen Überprüfung nicht stand. Erfreulichweise beschreibt Reznicek selbst manches Detail aus seiner Jugendzeit (Wohnadressen, Namen von Lehrern und Mitschülern), das sich an Hand objektiver Quellen (Adressbücher Wien, Schulprogramme in Wien, Graz und Marburg, Zeitungsnotizen über seinen Vater) überprüfen läßt.

Die Schlüsseldokumente sind der Geburts- und Taufeintrag des Feld-Superiorates Wien, dem zu Folge E.N. von Reznicek am 4. Mai 1860 geboren und am 12. Mai 1860 getauft wurde; sowie der Schulbericht des k.k. Staatsgymnasiums in Marburg an der Drau für das Schuljahr 1877/78, dem zu Folge Reznicek am 28. Juli 1878 nach bestandenem Abitur aus der Schule entlassen wurde. Als Geburtsort wird das Haus Nr. 52 im 8. Wiener Bezirk Josefstadt (Florianigasse 51/52 alte Nummerierung, 13 neue Nummerierung) genannt. Dies wird auch durch das Wiener Adressbuch von 1860 bestätigt. Kurze Zeit später wohnte die Familie in der Buchfeldgasse 19, wo am 14. 2. 1864 Rezniceks Mutter Clarisse v. Reznicek, geb. Ghika, an Auszehrung verstarb. (Traueranzeige). Überdies besaß die Familie Reznicek als Erbstück des Großvaters Josef Resnitschek das Haus Wickenburggasse 20, ebenfalls in der Josefstadt. E.N.von Rezniceks Vater Josef v. R. war damals Kommandierender General der Stadt Wien, so daß die Lage der Wohnungen im 8. Bezirk und der räumlichen Nähe zur Hofburg wohl auch beruflich bedingt war. Nach einem Trauerjahr vermählte sich Josef v. Reznicek im Frühjahr 1865 wieder in vierter Ehe mit Hermine Conrad (1839-1878). Diese war die Tochter des aus Siebenbürgen stammenden Minsterialrates der Sächsischen Kanzlei Michael Conrad (1801-1893) und dessen Ehefrau Juliane (geb. von Hauer). [Die vier Ehen des J. v. R. spiegeln in den Heiratsverbindungen auch dessen gesellschaftlichen Aufstieg vom einfachen Kadetten zum Offizier im Generalsrang und schließlich zum Feldmarschall-Leutenant, verbunden mit dem einfachen Adel (1851) und die Erhebung in den Freiherrnstand (1859) wider]. Reznicek kam mit der Stiefmutter nur schwer zurecht und hat die neuerliche Hochzeit seines Vaters zeitlebens als entscheidenden Bruch in seiner Kindheit betrachtet.

Am 2. April 1865 melden die Wiener Zeitungen, das J.v.R als Kommandierender General Wiens abgelöst werde und als Adlatus dem Generalkommando von Mähren und Schlesien mit Sitz in Brünn zugeordnet wird. Am 16. April ist er dort bereits mit seiner Familie eingetroffen. Am 21. September 1865 wird er in gleicher Eigenschaft nach Budapest versetzt. (Da der Großvater Josef Resnitschek (1787-1848) aus dem Kreis Beraun in Böhnen stammte und J. v. R. seine Jugend in Ungarn verbrachte, wird man annehmen dürfen, daß er neben Deutsch und Italienisch auch Tschechisch und Ungarisch sprach). Wieder folgte die Familie dem Oberhaupt. Wohl in Budapest wurde am 15. Februar 1866 E.N.s Halbschwester Josefine (1866-1923) geboren. Das Jahr 1866 war militärisch bestimmt durch den für Österreich-Ungarn verheerenden Krieg mit Preußen und der Niederlage von Königsgrätz (3. Juli 1866). Josef v. R. gehörte zu den wenigen Offizieren des österreichsichen Generalstabes, die um die Verwundbarkeit der österreichschen Truppen wußte und von der Auseinandersetzung abgeraten hatte. Zudem waren es gerade die ungarischen Truppenteile, die durch taktisches Fehlverhalten die Niederlage mit heraufbeschworen hatten. J.v.R. scheint sich anschließend mit seiner Manöverkritik nicht zurückgehalten zu haben. Jedenfalls melden die Zei­tun­gen bereits am 13. September, daß er auf eigenen Wunsch in den Disponibilität-Stand versetzt wurde. Und am 16. Dezember wurde seine Pensionierung auch offiziell vollzogen; wo­durch er noch immerhin zwanzig Jahre seinen Ruhestand genießen konnte.

Mit dem Ruhestand zog die Familie im Herbst 1866 wieder nach Wien, wo F.v.R alsbald ein Villengrundstück in Ober-Sievering erwarb. Dort verbrachte die Familie die Sommer 1867-69; dort wurde am 16. Juni 1868 auch Ferdinand v. Reznicek (1868-1909), E.N.s Halbbruder und später sehr bekannte Zeichner des Simplizissimus geboren. Die Wintermonate verbrachte man in Wien, zumeist in dem Stammhaus in der Wickenburggasse bzw. auch in der Wiedener Landstraße. Das galt allerdings nicht für E.N. Dieser wurde, wie er selbst sagt, in ein Knabenpensionat „abgeschoben“, von wo aus er die Volksschule (1866-1870) besuchte. Nur an Sonn- und Feiertagen und in den Sommerferien (damals fast drei Monate) durfte er seine Familie sehen. Dies änderte sich, als er zum Schuljahr 1870/71 als Sextaner in das Schotten-Gymnasium eintrat. Der Vater war inzwischen aus Ober-Sievering in das näher zur Stadt gelegene Ober-Döbling übersiedelt. Das war als Schulweg machbar, und so durfte E.N. in diesem Schuljahr bei den Eltern wohnen. Mangelhafte Schul- und Betragensnoten veranlaßten den Vater allerdings, ihn ab den Schuljahr 1871/72 in das 1. Akade­mische Gymnasium (das auch Schubert besucht hatte) am Beethovenplatz zu geben. (Gegenüber dem konservativen Schotten-Gymnasium war das Akademische Gymnasium eher die Schule des liberalen Bürgertums). Zudem wurde Reznicek wieder in ein Internat gesteckt. Es war dies das Internat Feuchtinger (Adresse unbekannt aber wohl in Schulnähe), das vor allem von Angehörigen der Adelsschicht besucht wurde und das wohl auch auf das Erlernern entsprechender Umgangs­formen wert legte. Durch die Vermittlung des Internates erhielt E.N. auch seinen ersten Klavier­unterricht bei Regina Neefe, einer Enkelin von Beethovens Theorielehrer Neefe, die in der Nähe des Gymnasiums, in der Beatrixgasse 5, im 3. Bezirk wohnte. Auch J. v. R. zog in jener Zeit in den 3. Bezirk, in die Reimerstraße 3.

Nach zwei Jahren in dem Internat Feuchtinger „erbarmte“ sich (wie E.N. sich ausdrückt) seine Großtante, die Baronin Antonia von Reichenbach, die in der Karlsgasse 5 wohnte, ihn im Schuljahr 1873/74 (Tertia) in Kost und Logis zu nehmen. Diese war eine Schwester von Hermine Conrads Mutter, also eine geborene von Hauer und mit dem Chemiker Baron Reinhold von Reichenbach verheiratet. Diese hat E.N.s Interesse an klassischer Musik gefördert. Zudem wohnte sie direkt neben Johannes Brahms, den Reznicek nunmehr oft auf dem Schulweg sah. Überdies sang die Tante selbst im Singverein unter Brahms und animierte E.N.s ältere Schwester Helene (1857-1920), sich ebenfalls dort zu bewerben. Rein zufällig begleitete auch E.N. diese zum vereinbarten Vorsingen. Da sie nicht in der Lage war, vom Blatt zu singen, lehnte Brahms sie ab. E.N. hingegen konnte dies mühelos, so daß Brahms aufmerksam wurde und die musikalischen Fähigkeiten von E.N. testete. Das Ergebnis war, daß er ihn einlud, nach dem Stimmbruch wieder zu kommen.

In diese Zeit fällt auch das, was E.N. als musikalisches Erweckungserlebnis beschreibt. Bei der Großtante erhielt er eines Tages Besuch durch seinen Onkel Eugen Ghika, des jüngsten Bruders seiner verstorbenen Mutter. Dieser war ein weltläufiger Mann, der sich selbst schriftstellerisch betätigte und auf der Durchreise von Paris nach Jasi in Wien Station machte. (Die Geschwister von E.N.s Mutter Clarisse scheinen, soweit das auf die Distanz möglich war, die Entwicklung von deren Kinder Helene und Emil Nikolaus im Auge behalten zu haben). Als die Sprach auf E.N.s Freude an der Musik und am Klavierspiel kam, setzte sich Eugen ans Klavier und spielte das Vorspiel zu Lohengrin. Das war offenbar E.N.s erste und nachhaltige Begegnung mit der Musik Wagners, (die im Elternhaus nicht gelitten war). E.N. setzte durch, daß er fortan im Stehparterre die Hofoper besuchen durfte, sowie die Militärkonzerte eines Caféhauses im nahen Stadtgarten (neben dem Gymnasium). Seine ersten Erlebnisse dort waren nach seiner Erinnerung Mozarts Don Juan und Wagners Vorspiel und Hochzeitsmarsch aus Lohengrin. Ein Blick in das Repertoire der Hofoper Wien zeigt, daß diese damals die Wagneropern von Rienzi bis Lohengrin sowie Meistersinger in Repertoire hatte. Diese Wagner-Opern konnte er in den folgenden Jahren auch in Graz hören. Den Ring und Tristan konnte er auf der Bühne erst in Leizig 1881-1883 erleben; dafür aber in der Interpretation von Artur Nikisch, der für Reznicek zeitlebens „der unvergleichliche Nikisch“ blieb.

In dieser Zeit meldete sich laut Rezniceks eigener Aussage erstmals auch die eigene musikalische Invention zu Wort, d.h. Reznicek begann Melodien zu improvisieren und vor sich hin zu pfeifen.Er erzählt dazu die Anekdote, daß er eines Tages mit einem Vetter spazieren ging, der stets über die neuesten Walzer und andere Unterhaltungsmuik, die E.N. nicht interessierte, Bescheid wußte. Als dieser ihm den neuesten Walzer vorsummte, antwortete Reznicek mit einer eigenen Improvisation. Gefragt, vom wem dieser Walzer stamme, antwortete EN., daß dies seine Erfindung sei, worauf er sich eine Ohrfeige für die vermeintliche Lüge eingefangen habe. Gemäß der alten Weißheit „schreib Dir’s hinter die Ohren“, hat er sich diesen Einfall gemerkt und daraus 1892/93 das Walzer-Zwischenspiel der Donna Diana gemacht. Das wäre demnach Rezniceks erste überlieferte musikalische Invention; die erste überlieferte Komposition stammt dann aus der Marburger Zeit.

Josef von Rezniceks älterer Bruder Carl Edler v. R. (1814-1882) war, wie so viele Offiziere, nach seiner Pensionierung nach Graz gezogen. Im Herbst 1874 folgte Josef v. R. diesem Beispiel und übersiedelte ebenfalls nach Graz, wo er zuerst in der Nibelungengasse, dann in der Spohrgasse Wohnung nahm. Auch die Schwiegereltern Conrad zogen in jener Zeit nach Graz um. E.N. von Reznicek wechselte daher zum Schuljahr 1874/75 an das 1. Staatsgymnasium in Graz, wo er Unter- und Obersecunda absolvierte. Dabei durfte er im Elternhaus wohnen. Zudem erhielt er in Graz auch weiteren Klavierunterricht durch den bekannten Klaviervirtuosen und 2. Kapellmeister der Oper Graz, Wilhelm Treiber (Graz 1838 – Kassel 1899). Dieser erteilte E.N. nicht nur Klavier- sondern auch elementaren Kompositionsunterricht und E.N. begann, laut eigener Erinnerung, in dieser Zeit erste musikalische Inventionen auch zu Papier zu bringen. Das setzte er auch fort, als Treiber 1876 zum Leiter der Euterpe-Konzerte in Leipzig wurde. (Später wurde er GMD in Kassel). Während man im Elternhaus das Klavierspiel E.N. als durchaus standesgemäße Veranstaltung ansah, schenkte man seiner „Komponiererei“ wenig Beachtung, so daß er sich bald angewöhnte, am Schreibtisch zu komponieren und die Stücke nur auszuprobieren, wenn er alleine zu Hause war. Sein Vater hatte ohnehin einen konservativen Musikgeschmack: für diesen galt Mozart, Rossini und Donizetti als Inbegriff der Musik. Zur Not hörte er auch Meyerbeer oder Verdi. Mit Wagner konnte er nichts anfangen. Die Stiefmutter Hermine war dagegen aufgeschlossener und scheint in dieser Zeit durch ihre Verständnis für seine musikalischen Interessen ein besseres Verhältnis zu ihrem Stiefsohn aufgebaut zu haben. (Nachdem sie im Mai 1878 noch E.N.s jüngste Halbschwester Gisela (1878-1945) zu Welt gebracht hatte, verstarb sie am 22. Oktober 1878 an Diphterie. Der Vater blieb Witwer und scheint in seinen letzten Lebensjahren ebenfalls ein entspanntes Verhältnis zu seinem Sohn gefunden zu haben).

Doch nicht nur musikalischen Interessen ging E.N. in Graz nach. Er entdeckte dort auch die Caféhaus-Kultur und die Möglichkeit des Billard-Spiels, das allerdings zu Lasten des Schulb­e­suches, insbesondere des Nachmittag-Unterrichtes, ging. Am Ende des Schuljahres 1875/76 brachte er nicht nur ein mäßiges Zeugnis nach Hause, sondern auch den Vermerk, daß er mehr als 100 Stunden gefehlt habe. Sein Klassenlehrer legte darum dem Vater nahe, den Sohn an ein anderes Gymnasium zu schicken. Und dessen Wahl fiel auf das k.k. Gymnasium in Marburg an der Drau, wo E.N. in den Jahren 1876/77 und 1877/78 Unter- und Oberprima absolvierte und schließlich mit dem Abitur entlassen wurde. Der Vater hatte alles bereits organisiert, als sich E.N. auf den Weg nach Marburg machte. Kost- und Logis erhielt er bei Professor Carl Zelger, selbst Lehrer für Latein und Griechisch an diesem Gymnasium (wenn auch nicht für E.N.s Klasse). E.N. war sich wohl bewußt, daß der angeordnete Wechsel nach Marburg eine Art Strafversetzung war, die ihm die vielfältigen Ablenkungsmöglichkeiten von Graz entziehen sollten. Er bezeichnet seine Zeit dort denn auch als „goldenen Käfig“. Gleichwohl macht er aber auch deutlich, daß das für ihn eine entspannte und glückliche Zeit war; nicht zuletzt durch den besagten Professor Zelger, dem er manches verdanke.
Zu den prägenden Erlebnissen in Marburg gehört für E.N., wie er selbst ausführt, auch die Einsicht, daß das alte Österreich ein Vielvölkerstaat war. Die Mehrheit der damaligen Bevölkerung Marburgs sprach damals österreichsich-deutsch; die Mehrheit in den ländlichen Bezirken der Untersteiermark sprach slowenisch. Für E.N. war das eine neue Erfahrung; bis dato hatte er gedacht, daß der ganze österreichische Reichsteil deutschsprachig sei. (Felix Weingartner berichtet ähnliches, nämlich daß er sich 1881 bei seiner Bahnfahrt von Graz nach Leipzig wunderte, daß abschnittweise Reisende mitführen, die tschechisch sprachen). Auch, daß das Zusammenleben nicht immer spannungsfrei war, bekam E.N. durch eine Wirtshausschlägerei mit, die er selbst allerdings als jugendliche Gaudi erlebte, ohne den ernsten Hintergrund zu erkennen. Zudem erfuhr er auch, daß dieser Nationalitätenkonflikt auch anders aufzulösen war. In seiner Klasse schloß er Freundschaft mit Julius Thurn (1860-1938). Dieser war der Sohn des k.k. Notars Franz Ratey (c. 1827-1901) und der Gräfin Olga Thurn-Valsassina-Radmansdorf (c. 1835-1903), die in wilder Ehe in Oberpulsgau, einem kleinen Weinbauort nahe Windisch-Feistritz zusammenlebten. Ratey war Bezirksnotar von Windisch-Feistritz, wobei zu den Berufsanforderungen die vollkommen Zweisprachigkeit gehörte. (Er war übrigens auch ein bekennender Anhänger von Berta von Suttner, für deren Friedensbewegung er spendete). Sein ältester Sohn Julius folgte dem Vater im Beruf und wurde ebenfalls Notar. Er erhielt den Notariats-Bezirk Cilli und lebte (bis zu seiner Vertreibung 1919) in Lutterberg, wo er auch Bürgermeister war. Übers Wochenende von Julius eingeladen, lernte E.N. in Oberpulsgau auch Julius Schester Milka (1864-1897) kennen, die am 22. Oktober 1883 Rezniceks erste Ehefrau werden sollte. Umgekehrt heiratetet Julius Thurn nach Abschluß von Studium und Referendariat Rezniceks älter Schwester Helene (1857-1920).
In Marburg angekommen. durfte E.N ein Klavier mieten und nach Herzenslust komponieren. Anders als sein eigener Vater nahm Zelger die Begabung Rezniceks ernst und lies sich dessen Kompositionen, darunter die Hexenszene aus Macbeth sogar vorspielen. (Woraus folgt, daß es sich dabei um ein Klavierstück gehandelt haben muß). – Man muß bei dieser Gelegenheit wohl in Erinnerung rufen, daß Musik im 19. Jahrhundert kein Lehrfach an höheren Schulen war. Dieses Fach wurde erst nach dem 1. Weltkrieg eingeführt. Es gab damals also auch keine Schulorchester und die ganze Ausbildung der musikalischen Fähigkeiten eines Schülers oblag der privaten Initiative der Eltern. Die erklärt übrigens, warum so viele Komponisten des 19. Jahrhunderts aus Musikerfamilien oder der gehobenen Bürgerschicht stammen. Arbeiter- oder Bauernkinder hatte nur dann eine Chance auf adäquate Förderung ihrer Fähigkeiten, wenn sich frühzeitig ihre Musikalität gezeigt hatte und sie einen geistlichen oder weltlichen Mäzen oder Förderer fanden. (Anton Bruckner oder Friedrich Kiel stehen exemplarisch für diesen Ausbildungsweg). Was hingegen an den Gymnasien gepflegt wurde, ist der Chorgesang. Und hier hatte Reznicek das Glück, daß sein Chorlehrer, der zugleich den Marburger Stadtchor leitete, E.N. die Erlaubnis gab, einen eigenen kleinen Chor zusammenzustellen. Für dieses Ensemble hat Reznicek dann auch ein eigenes Chorstück geschrieben, das sogar anläßlich einer Schulfeier aufgeführt wurde.

Für sieben der acht von Reznicek absolvierten Klassen an den Gymnasien liegen die gedruckten Schulprogramme vor. Aus diesen läßt sich minutiös rekonstruieren, welcher Stoff in welchen Klassen unterrichtet wurde und welche Klassenarbeiten geschrieben wurden. Sein Hauptfächer waren Latein und Griechisch, das ihm besonders lag. Seine Achillesverse war die Mathematik. Gut war er auch in Deutsch und Französisch. In Graz und Marburg erwarb er zudem Grundkenntnisse in Slowenisch. Als Nebenfächer gab es Geschichte, Geographie, Naturkunde, Stenographie, Zeichnen und Sport. (Letzteres lag E.N. sehr am Herzen. Schon in der Grazer Zeit enteckte er das lebenslange Hobby des Bergsteigen und erklomm u.a. den Triglav in der Untersteiermark. Auch hatte er Unterricht im Fechten). Allerdings bestätigen die Schulprogramm auch E.N.s Aussage, daß er der Schule stets nur soviel Aufmerksamkeit geschenkt habe, als daß die Versetzung gewährleistet sei. In der Tat taucht sein Name in keinem der Berichte auf, wenn die Träger von Belobigungen und Preisen aufgelistet werden. Eine Ausnahme findet sich in einem Artikel der Marburger Zeitung vom 27. März 1878, in dem berichtet wird, daß die Schüler des Gymnasiums am 22. März eine öffentliche musikalisch-dramatische Abendveranstaltung abgehalten hätten, bei der der Schüler Baron von Reznicek zwei Stücke aus Opern am Klavier konzertreif dargeboten habe. Diese Leistung wird auch in dem im Juli 1878 vorgelegten Schuljahresbericht hervorgehoben. Dort wird auch erwähnt ,daß es sich dabei um zwei Ausschnitt aus Wagner-Opern gehandelt habe. Und die sind ja nicht gerade einfach zu spielen. Wenn E.N. als schon im März 1878 fähig war, so etwas konzertreif darzubieten, dann wird man seine Aussagen, daß er immer ein sehr mäßiger Pianist geblieben sei, als für ihn typische Understatement werten wollen . Vor allem aber stellt dies dem Marburger Gymnasium ein gutes Zeugnis aus: Wagner war damals die modernste und radikalste Musik überhaupt. Leicht hätte man Einspruch erheben und z.B. einen Beethoven fordern können. Daß man es nicht tat, wäre so, wie wenn heute ein ganz normales Gymnasium einen Stockhausen oder Boulez aufführen würde. Last not least beweist das Konzert, daß E.N. damals die Musik Wagners nicht nur vom Hören, sondern aus der Partitur bzw. mindestes aus dem Klavierauszug kannte.

Die letzten Monate nach diesem Konzert hat E.N. Mathematik gepaukt, um dem „goldene Käfig“ entkommen zu können. Am Tag nach der Schlußprüfung holte ihn sein Vater in Marburg ab und dankte zugleich Professor Zelger für die geleistete Erziehung-Arbeit. Eigentlich hatte J. v. R. für seinen Sohn eine Offizierskarriere vorgesehen gehabt. Nachdem E.N. aber bei der Musterung für militäruntauglich befunden wurde, kam dies nicht mehr in Frage. Statt dessen hatte der Vater (!) betimmt, daß E.N. in Graz Jura studieren sollte, um dann in den diplomtischen Dienst einzutreten. (Der Papa hätte auch dies gerichtet). E.N. war inzwischen klug genug, sich nicht zu widersetzen. Zum Dank und wohl nicht zuletzt auf Grund des Konzertes und der Fürsprache Zelgers wurde ihm erlaubt, „nebenbei“ in Graz bei Wilhelm Mayer Unterricht in Komposition zu nehmen. Dort hat er dann in drei Jahren, Herbst 1878 bis Herbst 1881 ein systematisches Studium des Tonsatzes absolviert und kam als fertiger Komponist nach Leipzig, wo er vor allem aus Gründen der besseren Berufschancen auch eine akademischen Abschluß machte. (Mayer war als Privatlehrer tätig).

Wie sich aus der Chronologie der Ereignisse ablesen läßt, kam Reznicek aus einer musikalischen Familie, in der das häusliche Musizieren praktiziert wurde. Er selbst hat mit elf Jahren ersten Klavierunterricht erhalten und dabei offenbar gute Forschritte erzielt. Zudem wurde sein Gescmack gebildet, der sich zuerst an der Wiener Klassik orientierte. An der zeitgenössischen Unterhaltung­smusik hatte er hingegen kein Interesse. Mit dreizehn Jahren begegnete ihm erstmals die Musik Richard Wagners und zog ihn vollständig in den Bann. Er begann, Opern- und Konzertver­anstal­tungen zu besuchen. Gleichzeitig meldete sich bei ihm erste musikalische Inventionen. Mit vierzehn Jahren erhielt er in Graz neben dem Klavierunterricht auch elemetaren Unterricht im Tonsatz und begann, erste Kompositionen niederzuschreiben. Dies setzte sich in Marburg fort, wo er überdies mit Musik Wagners erstmal öffentlich auftritt. In Graz erhält er dann ab Herbst 1881 durch Wilhelm Mayer eine solide, dreijährige Unterweisung im Tonsatz. Die ästhetische Positionierung als Wagnerianer – Mayer selbst hatte bekanntlich Vorbehalte gegen die Idee des Musikdramas – war jedoch schon vorher und aus eigenem Entschluß erfolgt.

Reznicek erwähnt, daß er in dieser frühen Phase vor allem Klaviermusik geschrieben habe. Nichts davon scheint sich derzeit erhalten zu haben. Die große Ausnahme bilden die zwei Phantasiestücke für Klavier, die 1882 im Druck erschienen. Diese sind Conrad Ansorge gewidmet, mit dem sich Reznicek während der Leipziger Studienzeit angefreudet hatte. In dem Memoiren schreibt Reznicek allerdings, daß diese schon in der Marburger Zeit entstanden seien. Und da diese technisch teilweise recht anspruchsvoll sind, mußte man sich bislang fragen, ob diese womöglich mit Blick auf den Widmungsträger vor Drucklegung revidiert worden seien. Nachdem nun aber bekannt ist, daß E.N. 1878 selbst als Wagner-Pianist öffentlich aufgetreten ist, wird man annehmen dürfen, daß dies nicht der Fall war. Die zwei Phanasiestücke sind demnach Rezniceks früheste erhaltene Komposition, die noch in die Zeit vor dem Unterricht bei Wilhelm Mayer zurückreicht.

Copyright 2018 by Michael Wittmann

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